Donnerstag, 30. Juli 2015

Nachlese zum 89. #EDchatDE: Lehrer oder Lernbegleiter: Kontrollverlust als Programm

Der Titel des letzten #EDchatDE, der von Sabine Strauss (@sallythechin) und Bob Blume (@legereaude) moderiert wurde, versprach ja von vorneherein eine lebhafte Diskussion, die auch eintrat: Lehrer oder Lernbegleiter: Kontrollverlust als Programm.


Public Domain (Pixabay)

Sind wir Lehrende – ob an Hochschule oder Schule – nun Lehrer/innen oder Lernbegleiter/innen? Gibt es einen Zusammenhang von Lehrer/in und Kontrolle bzw. Lernbegleiter/in und Kontrollverlust? Wie sind die Dichotomien zu sehen? Lehrer/in vs. Lernbegleiter/in? Kontrolle vs. Kontrollverlust? Hierarchie vs. Augenhöhe? Die Diskussionen gingen in unterschiedliche Richtungen. Da wurde vom Funktionieren offener und eigenverantwortlicher Lernsettings ebenso geschrieben wie vom Scheitern und dem Scheitern als Programm. Da wurde vom Miteinander- und Voneinanderlernen geschrieben. Und die Diskussion war so vielfältig, dass ein Nachlesen absolut notwendig erschien. Und dabei wurden viele Unsicherheiten und Überzeugungen manifest.

Lehrer/in und Lernbegleiter/in schließen einander als Funktionen nicht aus! 


Vielmehr sind Lehrende manchmal Dozierende, manchmal Lernbegleiter/innen, manchmal Kummerkästen und manchmal Erzieher/innen (nicht nur in der Schule, am Studienbeginn auch noch an der Hochschule!). Die Rollen, die wir übernehmen, sind sehr unterschiedlichen. Und das eine schließt das andere nicht aus. Denken wir zurück an die Sandwichmethode, in der auf eine Phase der Instruktion eine Phase der Konstruktion folgt. Aus einem Vortrag wird eine Freiarbeitsphase, in der das Wissen gefestigt und Kompetenzen trainiert werden. Die Lerner/innen lernen eigenverantwortlich und selbstorganisiert weiter, die Rolle der Lehrenden reduziert sich auf die Begleitung.

Lernbegleitung ist kein Kontrollverlust!


Vielmehr handelt es sich um eine Verlagerung der Kontrolle bzw. ein Delegieren der Kontrolle an die Lerner/innen. Danke Peter Ringeisen (@vilsrip) für diesen Tweet! Die Lerner/innen werden dabei aber nicht ins Nichts entlassen, sondern bewegen sich innerhalb eines Raumes (ob virtuell oder real), den die Lehrenden definiert haben. Dieser Raum kann weit oder eng gesteckt sein. Zentral sind klar formulierte vorgegebene Ziele, realistische Rahmenbedingungen und auch die Präsenz der Lehrenden als Ansprechpersonen. Dabei sollte man präsent sein, ohne präsent zu sein. Die Lerner/innen sollten das Gefühl haben, sich bei Notwendigkeit an die Lehrenden wenden zu können, die mit Fach-, Methoden-, sozial-kommunikativer oder personaler Kompetenz aushelfen. [A propos Kontrollverlust: Kennt ihr den Artikel Der große Hype um den Vier-Sekunden-Kontrollverlust schon?]

Was Lehrende tun, bedarf keiner Neudefinition!


Es geht nicht darum, zu postulieren, der/die Lehrende als Lernbegleiter/in sei eine Neudefinition oder Ausweitung des Lehrendenbildes. Danke Peter Ringeisen für die Richtigstellung meines eigenen Tweets zum Thema. Vielmehr handelt es sich um die Betonung einer Facette eines Berufes, der sehr unterschiedliche Funktionen und Aufgaben meint und abdeckt. Einer Sache jedoch müssen wir uns bewusst sein:

Lehrende sind keine „allwissenden Müllhalden“!


Man verzeihe mir den Verweis auf die Fraggles, aber das Bild gefällt mir. Wir häufen zwar Wissen an, sind aber im digitalen Zeitalter eine von vielen unterschiedlichen Wissensquellen, v.a. wenn es um den Bereich des Faktenwissens geht. Wir sind und bleiben Expertinnen und Experten in unserem Fach, können aber längt nicht alles wissen und sollten die Lerner/innen aktiv darin unterstützen, unterschiedliche Quellen zu erschließen und in Hinblick auf ihre Qualität zu untersuchen. Wir sollten ihnen zeigen, wie sie lernen können (nicht solle oder müssen!), um in einer schnelllebigen Gesellschaft, in der viel Wissen produziert wird überleben oder sich zurechtfinden zu können. Es gab schon immer viel Wissen, die Angst davor war aber auch schon immer da.

Die Angst vor Medien gibt es schon immer!


Thorsten Larbig (@herrlarbig) hat heute kurz nach Mitternacht einen spannenden Tweet dazu geschrieben. Im 18. und 19. Jahrhundert war man überzeugt davon, dass das Lesen ein Problem für die Augen darstelle, dass es schlecht sei, weil man sitzend lese und das Lesen im Gehen aufgegeben habe. Auch habe man das laute Lesen aufgeben, lese nur mehr mit dem Auge. Durch dieses vermehrte und extensive Lesen vieler Werke (v.a. Romane) wurde die intensive Lektüre einzelner Werke (v.a. der Bibel) vernachlässigt (Stichwort: Lesesucht). Gleichzeitig lief man Gefahr, die Grenze zwischen Realität und Fiktion zu überschreiten und dabei zu vergessen, wo die Grenze liegt (prominente Beispiele sind Madame Bovary und Don Quixote). [Wer mehr dazu lesen will, dem empfehle ich Kapitel 2.2 meiner Dissertation Der Räuber in der europäischen Literatur : Fiktionalisierung, Fiktivierung und Literarisierung einer populären Figur im 18. und 19. Jahrhundert.] Danach wurde dem Fernsehen Ähnliches vorgeworfen, danach den Videospielen und nun dem Internet. Die Angst bleibt die gleiche, die Argumentation oftmals auch. Das ist nichts Neues ["Neu" sind nur die Trolle und ihr Anspruch auf Deutungshoheit. Danke Philippe Wampfler (@phwampfler) für den Beitrag!] und auch die Lösungen sind wenig überraschend [Man lesen den Artikel Gedankenexperiment: Ein Intranet der Bürger]!

Niemand weiß, was die Zukunft bringt!


Aber manchmal lässt sie sich erahnen. Wenn die einen postulieren, den Computer aufzugeben, um das Menschsein zu bewahren (Is It Time to Give Up on Computers in Schools?), dann beweisen uns andere mit ihren Visionen, dass sich ein Blick die Zukunft auszahlt und man nicht immer so weit entfernt ist, wenn man den Blick nach vorne und nicht zurück richtet (What 1967 Thought 2001 Would Look Like).

Hört auf mit Entweder-oder!


Und bewegt euch zum Sowohl-als-auch. Lehrer/innen sind sowohl Wissensvermittler/innen als auch Lernbegleiter/innen. Digitale und analoge Medien haben beide ihre Daseinsberechtigung im und für den Lernprozess. Wir sollten sowohl aus der Vergangenheit lernen als auch einen Blick in die Zukunft wagen, um ein breites Spektrum an Visionen, Erfahrungen und Gedanken in der Gegenwart nutzen zu können. Und dabei müssen wir auch die Gegenwart immer im Auge halten und uns auf neue Gegebenheiten einstellen. Ständig! Lehrer/innen sind somit nicht nur Lernbegleiter/innen, sondern lernen begleitend und lebenslang.


[Übrigens: Nächste Woche geht's dann mit dem Moderator/innen-Team Monika Heusinger (@M_Heusinger) und Peter Jochum (@JochumPeter) um Zeitmodelle für den Unterricht und somit eine der Rahmenbedingungen, die für das eigenverantwortliche und selbstorganisierte Lernen von zentraler Bedeutung ist.]

Freitag, 24. Juli 2015

Was 70-20-10 und Mülltrennung verbindet

Passend zur letzten #EDchatDE-Nachlese (aber leider erst danach) ist mir ein aktueller Artikel von Anja C. Wagner (@acwagner) untergekommen, der am 22. Juli 2015 unter dem Titel Social Learning & autodidaktisches Lernen für alle: Weg mit den Bildungs-Institutionen? erschienen ist und den ich hier gern als Auftakt für einige allgemeine Gedanken nutzen möchte. [Die eine spannende Richtung annehmende Diskussion auf Google+ hat mich dazu angeregt.] In ihrem Beitrag betont die Autorin die Wichtigkeit des informellen Lernens, sei es ein autodidaktisches Lernen oder Learning by doing. Dieses Lernen erfolge aus einer eigenen Motivation heraus, „Nicht um des Zertifikats willen, sondern um des Flows willen“ werde recherchiert und gelernt, werden Online-Kurs oder -Weiterbildungsformate besucht, wie die Autorin (2015) schreibt.

Das von ihr beschriebene 70-20-10-Modell, wie es immer wieder genannt und zitiert wird, gilt sicherlich für berufliche Weiterbildung, das Lernen am Arbeitsplatz (@jrobes) oder die Erwachsenenbildung allgemein. Lässt sich dieses Modell aber auch auf die Schule oder die Universität transferieren? Lernen Schüler/innen und Studierende vor allem auf informeller Ebene (70% aus dem eigenen Tun, 20% durch den Austausch) und nur 10% durch institutionalisierte Angebote wie Kurse oder Lehrgänge? Oder aber sind die Lehrgänge und Kurse, die Unterrichtsstunden eine Basis dafür, im informellen Bereich weiterzulernen, sich zu spezialisieren? Sollten Bildungsinstitutionen eine allgemeine und teilweise spezialisierte Basis für die autodidaktische oder auch institutionalisierte Fort- und Weiterbildung schaffen? Sollten Bildungsinstitutionen umdenken und eher das Lernen lehren als Fakten? Ist der Anja C. Wagner (2015) zuzustimmen, wenn sie feststellt:
Gleichwohl diskutieren alle beim Thema Bildung nahezu ausschließlich über die 10 Prozent. Man erfindet alle möglichen neuen Wörter dafür, um hier immer wieder aufs Neue vermeintlich moderne Formate zu entwickeln, die den 10% eine doch wichtigere Dimension beizumessen ermöglichen. Derweil: Es ändert nichts an der Formel 70:20:10.
Vielleicht sollten wir mal in uns hineinhören und uns fragen, wie wir selbst lernen, woher wir unser Wissen haben und wodurch wir unsere Kompetenzen stärken bzw. entwickelt haben. Ich möchte meinen, dass die schulische und hochschulische Bildung ebenso wie die berufliche Ausbildung in den Anfangsjahren diesem 70-20-10-Modell nicht ganz entspricht und es sich vielmehr auf die Fort- und Weiterbildung bezieht. Wenngleich ich die Relationen nicht umdrehen möchte und ich jedenfalls der Meinung bin, dass sich schulische und hochschulische Bildung ebenso wie berufliche Ausbildung ändern müssen, um dem Anspruch einer (soliden Basis-) Bildung oder Ausbildung gerecht werden zu können. Andreas Wittke (@onlinebynature) hat darüber unter Manche Systeme sind nicht reformierbar schon im Dezember 2014 gebloggt, Thorsten Larbig (@herrlarbig) erst vor zwei Tagen unter Vom Diktieren. Oder: Wie geht das mit dem Schreiben weiter? Die Beiträge zeigen das Potential oder die Notwendigkeit einer Reform, geben aber keine Lösungen [was ich im Übrigen auch nicht leisten kann].

Ist denn das System wirklich nicht reformierbar? Überlegen wir mit Luhmann, wie lange sich das System autopoietisch noch erhalten kann, ohne auf die Reize der Umwelt zu reagieren? Wie kann die Umwelt vom System wahrgenommen werden, wenn wir in systemischen Grenzen denken? Wer entscheidet über die Codierung und somit die Aufnahme in das System? In der Diskussion auf Google+ wurden unter anderem die Politik und die Wirtschaft genannt, auch das Recht und andere Bereiche spielen hier hinein. Ist die funktionale organisierte Gesellschaft an einem Scheidepunkt? Denn selbst  wenn die Reize zu verwertbaren Stimuli werden, dauern Veränderungen längere Zeit. 

Beiträge wie die hier genannten sind sicherlich ein Zeichen dafür, dass die Veränderung – wenn auch vielerorts nur in homöopathischen Dosen – vonstattengeht und sich in diesem Zusammenhang immer wieder neue Herausforderungen auftun, Stichwort „Don’t feed the troll!“, auf die immer schneller reagiert werden muss. Das System ist behäbig. Vielleicht ist – und der Titel eines Posts von André J. Spang (@Tastenspieler) und Bob Blume (@legereaude) gefällt mir in diesem Zusammenhang gut – Bildung in einer digitalisierten Welt: ein Aufbruch mit Hindernissen. Vielleicht liegt das Hindernis in der Struktur des Systems, das eine Mauer um sich aufgezogen hat. Doch selbst dann ist eine klassische Möglichkeit, die Hindernisse zu überwinden, sie zu überspringen. Hochsprung nicht Weitsprung. Die Lektüre des gestern in der FAZ erschienenen Artikels Die Schule probt den digitalen Hochsprung von Fridtjof Küchemann (@fkuechemann) sei an dieser Stelle wärmstens empfohlen.

Und dabei sollen und müssen wir (Lehrende in Bildungsinstitutionen) uns auf institutioneller Ebene der Tatsache bewusst werden oder sein, dass Schüler/innen und Studierende nicht mehr nur in der Institution lernen, sondern eben auch außerhalb und es – ich komme auf meinen Nachlese-Post zurück – deshalb wichtig ist, neben Fakten auch Kompetenzen zu lernen. Es geht vor allem auch darum, Werte zu vermitteln und Vorbild zu sein. Das fängt bei Pünktlichkeit im Unterrichtsraum an, geht über den korrekten Umgang mit Quellen, die Verwendung einer ansprechenden Sprache und endet bei der Mülltrennung bzw. beim verantwortungsbewussten Umgang mit Ressourcen.

Mittwoch, 22. Juli 2015

Nachlese zum #EDchatDE Summer Special "Lebenslanges Lernen": Was ist Lernen?

Gestern war Dienstag und Dienstag ist bekanntlich #EDchatDE-Zeit. Durch dieses Summer Special zum Thema Lebenslanges Lernen führten Steffen Jauch (@_jauch) und Christine Skupsch (@iqberatung) und die Diskussion war von Beginn an, nicht nur ob der hochsommerlichen Temperaturen, heiß. Und das kommt nicht von ungefähr, scheint das Thema wirklich eine breite Masse zu betreffen, interessieren und auch irgendwie aufzuregen. Das startete schon zu Beginn mit der ersten Frage „Was ist Lebenslanges Lernen für dich?“. Eine Diskussion darüber entbrannte, ob man denn immer lerne oder eben nicht. Hier gingen die Meinungen schnell auseinander. Lernt man immer und überall oder lernt man dann, wenn mal will? Lernt man durch Beobachten und Wahrnehmen? Lernt man dann, wenn man explizit auf Lernen eingestellt ist? Lernt man dann, wenn man muss (z.B. für Prüfungen – das berühmte Bulimie-Lernen)? Kann man verlernen? Kann man Lernen lernen? Wie sieht es mit Kompetenzen aus – kann man diese lernen? Und wie kann man sie überprüfen? Diese und noch viele Fragen mehr wurden gestellt und eine Beantwortung in der Tiefe war nicht nur infolge der 140-Zeichen-Beschränkung auf Twitter nicht möglich.

Ich denke, viele der Fragen lassen sich nicht so einfach beantworten. Vor allem wenn man daran denkt, dass Lernen als Begriff nicht klar definiert ist. Geht es um das Lernen von Fakten oder von Handlungen? Geht es um das Verinnerlichen von Wertehaltungen? Geht es um Kompetenzen, die entwickelt oder gestärkt werden müssen/wollen/sollen? Es sind ganz unterschiedliche Definitionen von Lernen, die hier zum Tragen kommen. Oder vielleicht wird auch nur klar, wie heterogen und facettenreichen der Lernbegriff eigentlich ist. Hier mit Dichotomien zu spielen, ist schwierig. Lernen und Nicht-Lernen funktioniert ja schon mal als binäre Unterscheidung nicht wirklich. Lernen und Verlernen oder Erlernen und Verlernen? Es wird schwierig, weil die individuellen Konnotationen, die wir infolge unserer persönlichen und ganz privaten Dispositionen, unserer Vorerfahrungen aus der Lebenswelt oder Alltagsrealität haben, variieren und weit auseinanderklaffen können. Ich will ein paar persönliche Gedanken zum Thema äußern, wobei ich beim Schreiben merke, dass die Antwort nur ein kleiner Auszug sein kann, der noch dazu persönlich gefärbt und subjektiv mit Zitaten gefüllt und somit „angreifbar“ ist. Vielleicht antwortet auch jemand drauf, ist anderer Meinung oder gleicher/ähnlicher. Auch aus diesen Antworten kann ich lernen.

Vielleicht sollte man zwischen dem Lebenslangen Lernen, dem Lernen am Leben und dem Lernen für das Leben unterscheiden. Wann immer wir Erfahrungen machen, ob gute oder schlechte, Lernen wir für das Leben. Das Leben ist als Lernwelt zu sehen. In mancherlei Hinsicht bringt uns auch die Schule dazu, für das Leben zu lernen. Gestern wurde darüber diskutiert, ob die Inhalte, die in der Schule vermittelt werden, denn noch aktuell seien oder ob man diese wieder an das Leben anpassen müsse. Ich denke persönlich, dass die Mischung aus klassischer Bildung und aktuellen Themen ein Ziel sein sollte, dass aber vor allem das Wertelernen zentral ist. Lerner/innen sollen lernen, dass das Lernen an sich etwas Positives ist und dass man aus allen Erfahrungen, Wahrnehmungen und Beobachtungen lernen kann. Wenn ich als Kind die heiße Herdplatte berühre, dann lerne ich, dass diese heiß ist. Ich lerne aus dem Leben, auch wenn es schmerzhaft ist. Das hindert mich zwar nicht daran, dass heiße Bügeleisen zu berühren, aber nicht absichtlich, denn ich weiß, dass es heiß ist. Und wenn ich mich nur oft genug verbrenne, weiß ich auch, dass ich danach die kalte Wasserleitung aufsuche, um die Wunde zu kühlen. Ich lerne für das Leben bzw. lerne ich, auch wenn ich mir nicht bewusst bin, dass ich lerne. In der Schule wird oftmals nur das Faktenwissen geprüft. Folglich lernen die Schüler/innen Fakten, geben diese bei Prüfungen wieder und merken sich wenig für die Zukunft. Sie kennen das: Man lernt für eine Prüfung, eventuell sogar genau in den Worten oder Phrasen, die die Lehrperson benutzt hat, weil die Prüfung bzw. der/ die Prüfer/in das so will. Manchmal kann das sinnvoll sein, meistens aber nicht. Und der Lerneffekt bleibt, wie wir gestern auch in der Diskussion sahen, recht gering. Wichtig ist aber, dass die Schüler/innen gelernt haben, dass sie bei der einen oder anderen Lehrperson dieses Bulimie-Lernen anwenden müssen oder können. Das ist vielleicht gefordert, zumindest aber reicht es eben oft. Auch das ist Lernen. Erinnern wir uns an Senecas zeit- oder gesellschaftskritisches Zitat: „Non vitae sed scholae discimus.“ [Seneca, Epistulae morales ad Lucilium, ep. 17-18] [Ein eigener Blogbeitrag hierzu, also zur Prüfungskultur, soll noch folgen.]

Lebenslanges Lernen bedeutet für mich deswegen eigentlich nur, sich die Freude am Lernen zu bewahren, neugierig zu sein, die Augen offenzuhalten, flexibel zu sein und vor allem auch zuzuhören. Aus dem Umgang mit Menschen lässt sich viel lernen. Kinder beobachten, nehmen wahr und lernen daraus. Ob das die Sprache ist, ob das Bewegungsabläufe sind, ob das der Umgang mit anderen Lebewesen ist. Sie sind vorurteilsfrei, offen und flexibel und werden erst nachträglich sozialisiert, vielleicht mit Rousseau und anderen Vertretern des Etat de nature gesprochen auch korrumpiert:
Ce passage de l'état de nature à l'état civil produit dans l'homme un changement très remarquable, en substituant dans sa conduite la justice à l’instinct, et donnant à ses actions la moralité qui leur manquait auparavant. C'est alors seulement que, la voix du devoir succédant à l'impulsion physique et le droit à l'appétit, l'homme, qui jusque-là n'avait regardé que lui-même, se voit forcé d'agir sur d’autres principes, et de consulter sa raison amant d'écoute, ses penchants. Quoiqu'il se prive dans cet état de plusieurs avantages qu'il tient de la nature, il en regagne de si grands, ses facultés s'exercent et se développent, ses idées s'étendent, ses sentiments s'ennoblissent, son âme tout entière s'élève à tel point que, si les abus de cette nouvelle condition ne le dégradaient souvent au-dessous de celle dont il est sorti, il devrait bénir sans cesse l'instant heureux qui l'en arracha pour jamais et qui, d'un animal stupide et borné, fit un être intelligent et un homme. [Jean-Jacques Rousseau (1762), Du contrat social ou Principes du droit politique; Chapitre 1.8]
Menschen lernen von anderen, von der Gesellschaft, sie nehmen wahr und setzen um. Nicht grundlos beschreibt Schiller die Schaubühne als moralische Anstalt und sieht das Potential des Sehens und Beobachtens für das eigene Lernen. Aber das führt nun schon sehr weit weg. Wenngleich die Rolle der Gesellschaft eine wichtige ist und die Schule als Institution sich mit neuen Themen beschäftigen muss, die die Wertehaltung der Schüler/innen und die gegenseitige Wertschätzung betrifft. Als Beispiel, das gestern auch eingebracht wurde, sei der Blogbeitrag Demokratischer Disconnect von Bob Blume (@legereaude) genannt. Und da spielt eben auch der Bereich der Allgemeinbildung hinein, wenngleich der Begriff ebenso zu diskutieren ist. Wer bestimmt nämlich, was Teil der Allgemeinbildung ist? Wer zieht einen Strich zwischen Allgemein- und Spezialbildung? Wer sagt, was hinausfallen darf aus dem Lehr- oder Lernkanon, weil Neues dazukommt? Inwiefern stimmen wir der Aussage zu;
In der heutigen Zeit der ökonomischen Zwänge wird Schule immer mehr unter dem Blickwinkel der Nützlichkeit gesehen. Gut ist, was nützlich ist. Nutzen bringt.“ [Bob Blume (2015), "Lernlust": Auswertung der Blogparade
Stellen wir der Aussage Aesops Fabel Der Hahn und der Diamant (Der Hahn und der Edelstein) entgegen:
Ein Hahn scharrte auf einem Misthaufen und fand einen Diamanten. Er betrachtete ihn aufmerksam von allen Seiten und sprach: „Was soll mir dieser Stein nützen? Er hat wohl für einen Juwelier einen schätzbaren Wert, aber mir wäre ein Weizenkörnchen viel lieber."
Das Nützliche ist dem Schönen vorzuziehen, besonders, wenn der Wert des Letzteren in der Einbildung besteht. [Aesop, Fabeln]
Und ersetzen wir „dem Schönen“ mit „dem Wichtigen“. Und dann denken wir daran, dass die Spezialisierung dann basieren sollte, wenn eine solide Basis vorhanden ist (ja, auch die solide Basis ist ein schwammiger Begriff). So schreibt schon Friedrich Schiller über die Spezialisierung:
Auseinandergerissen wurden jetzt der Staat und die Kirche, die Gesetze und die Sitten; der Genuß wurde von der Arbeit, das Mittel vom Zweck, die Anstrengung von der Belohnung geschieden. Ewig nur an ein einzelnes kleines Bruchstück des Ganzen gefesselt, bildet sich der Mensch selbst nur als Bruchstück aus; ewig nur das eintönige Geräusch des Rades, das er umtreibt, im Ohre, entwickelt er nie die Harmonie seines Wesens, und anstatt die Menschheit in seiner Natur auszuprägen, wird er bloß zu einem Abdruck seines Geschäfts, seiner Wissenschaft. Aber selbst der karge, fragmentarische Antheil, der die einzelnen Glieder noch an das Ganze knüpft, hängt nicht von Formen ab, die sie sich selbstthätig geben (denn wie dürfte man ihrer Freiheit ein so künstliches und lichtscheues Uhrwerk vertrauen?) sondern wird ihnen mit scrupulöser Strenge durch ein Formular vorgeschrieben in welchem man ihre freie Einsicht gebunden hält. Der todte Buchstabe vertritt den lebendigen Verstand, und ein geübtes Gedächtniß leitet sicherer als Genie und Empfindung. [Friedrich Schiller: Ueber die ästhetische Erziehung des Menschen, in einer Reihe von Briefen. 6. Brief]
Buchwissen statt Handlungswissen. Der gesunde Menschenverstand, der Hausverstand wird ausblendet, oft auch negiert. Auch dieser ist Teil des Gelernten. Wenn auch nicht des explizit Gelernten. Ich muss mich nicht hinsetzen, um etwas zu pauken, zu strebern, mir etwas einzutrichtern oder eintrichtern zu lassen. Ich kann auch nebenbei lernen. Also implizit.

Und dann kommt es auch noch ein wenig darauf an, ob ich in einer Institution sitze, um zu lernen (bewusst) oder ob ich dort unbewusst lerne. Ob ich außerhalb einer Institution bewusst lerne (also z.B. mit einem Sachbuch in der Hand im Stadtpark) oder unbewusst (also mit einem Buch der schönen Literatur, das auch Werte oder zumindest Sprachkompetenzen vermitteln kann). Hier wäre die Trias formales, non formales und informelles Lernen anzusetzen, wie sie auch vom CEDEFOP, dem Europäischen Zentrum für die Förderung der Berufsbildung, in den Europäischen Leitlinien für die Validierung nicht formalen und informellen Lernens verwendet wird. Und hier ist auch der Begriff des CPD zu verorten, also des Continuing Professional Development, das mit dem Lifelong Learning (LLL) Hand in Hand geht und eine spezielle Ausrichtung, nämlich eben das Lernen auf professioneller also beruflicher Ebene, meint. Eine Forderung, die es schon immer gegeben hat, die aber gerade im sogenannten digitalen Zeitalter mit immer kürzer werdenden Halbwertszeiten des Wissens und einer immer größeren Menge an Wissen durch ein Mehr an Forschung und Entwicklung immer wieder genannt wird. Dabei spricht man schon im Humanismus von einer Explosion des Wissens durch den Buchdruck. Durch den Fall des oströmischen Reichs kamen viele Gelehrte nach Italien und Deutschland und hatten griechische Texte im Original im Gepäck sowie auch die Kenntnis der griechischen Sprache, die fortan die unterschiedlichen gesellschaftlichen Systeme, also Bildung, Wissenschaft, Recht und Politik ebenso wie Ökonomie u.a., beeinflussten. Man sieht, die Forderung ist nicht neu. Auch hier musste man das Lernen und Lehren umstellen, musste Kanonisieren (oder kanonisierte). Man wurde sich bewusst, dass man nicht mehr alles wissen kann.

Und – ich komme zu einem Schluss, denn der Beitrag ist ohnehin schon sehr lange – deshalb finde ich den Konnektivismus als Lerntheorie des digitalen Zeitalters so spannend und sinnvoll. Ich kann nicht mehr alles wissen. Ich muss wissen, wo ich Informationen finde oder wen ich frage, wenn ich etwas wissen will. Wenn man den #EDchatDE betrachtet, so ist hier ein Pool an Wissensmultiplikatorinnen und Wissensmultiplikatoren vorhanden, die ich auch „anzapfe“, wenn ich was brauche. Und sie können mich anzapfen. Ein Geben und Nehmen, ein Wissen Konsumieren und Produzieren. In diesem Zusammenhang finde ich auch Timo van Treeks (@timovt) Initiative toll, eine Sammlung bloggender Hochschuldidaktiker/innen und öffentlicher Wissenschaftler/innen zu erstellen und dabei ebenso auf die Mitwirkung der Community zu bauen.

So sehe ich auch meine Rolle als Lehrende: Ich lerne von meinen Schülerinnen und Schülern und sie lernen von mir. Ich erhebe nicht den Anspruch, alles zu wissen. Wie soll ich auch. Ich kann aber meinen Schülerinnen und Schülern zeigen, wo sie Informationen finden. Ich kann ihnen dabei helfen, relevante von irrelevanten Informationen zu trennen, gute von schlechten Quellen zu unterscheiden. Ich kann ihnen beim Ausprobieren zur Seite stehen. Ich kann ihnen helfen, Dinge zu erlernen, aber ich lehre sie nicht. Ich lebe ihnen eine Werthaltung vor. Ich erhalte ihre Motivation, lernen zu wollen, neugierig zu sein und zu bleiben. Aber ich denke, damit bin ich schon einen Schritt weiter im nächsten Summer Special des #EDchatDE.

PS: Natürlich sollte hier auch noch die Unterscheidung zwischen Bildung, Ausbildung, Halbbildung, Unbildung, Nichtbildung, und wie die unterschiedlichen Derivate heißen, Beachtung finden. Das wird aber vielleicht einfach mal separat passieren. Oder durch Mithilfe der Community in den Kommentaren. ;-)

Dienstag, 21. Juli 2015

Spielchen gefällig?

Wenn man die Online-Zeitungen, die Newsletter und Forenbeiträge so ansieht, möchte man meinen, Sommerzeit sei Spielezeit. Nun ja, bei dieser unerträglichen Hitze oder viel eher Schwüle, wie sie derzeit vorherrschend ist, ist das ja auch irgendwie verständlich. Ich hab hier mal ein paar zusammengetragen und wünsche allen viel Spaß beim Ausprobieren! :-)
  • Für alle Filmliebhaber/innen: Der Kurier möchte wissen Welcher Film wurde hier gedreht? und schickt seine Leser/innen dabei quer über den Globus. Fernweh inklusive.
  • Für alle Deutschlandkenner/innen: Der Stern stellt unter Erkennen Sie Deutschland von oben? Satellitenaufnahmen zur Verfügung und lässt die Leser/innen raten, um welchen Ort in Deutschland es sich handelt.
  • Für alle WhatsApper/innen: Focus online deckt auf: FOCUS-Online-Quiz: Welcher WhatsApp-Typ sind Sie? Also ich weiß nicht… Einfach mal ausprobieren ;-)
Und eines noch zum Drüberstreuen – mittlerweile beinahe ein Klassiker: GeoGussr. Mittlerweile gibt es die Web-Anwendung im Single Player und im Challenge Mode und man kann auch die Kontinente, einzelne Städte oder Länder auswählen, aus denen die Bilder kommen sollen. Suchtfaktor inklusive. :-)

Montag, 20. Juli 2015

Der Computer ist kein Radio. Und was uns die Urheberrechtsnovelle bringt.

Jetzt war es doch lange sehr ruhig auf diesem Blog. Und das liegt nicht nur am Semesterabschluss, sondern vor allem auch an der Tatsache, dass ich mich in der letzten Zeit sehr intensiv mit neuen Themen beschäftigt habe, die ich so noch nicht verbloggen kann. Aber ich arbeite daran – versprochen. Heute nur mal ein paar Fundstücke, die mich ebenfalls gerade beschäftigen. Und es hat mal wieder mit dem Thema Recht (in einem weiten Sinne) zu tun.

Public Domain (Pixabay)


Zum einen gibt es in Österreich die Urheberrechtsnovelle, auf die wir schon so lange gewartet haben. Mit 1. Oktober 2015 tritt sie in Kraft und sieht Änderungen in Hinblick auf Werknutzung im Unterricht (u.a. an Schulen und Universitäten; §42g) vor sowie ein neu geregeltes Zitatrecht (§42f)und den Absatz „Unwesentliches Beiwerk“ (unter §42e), für das eine freie Werknutzung eingeführt wurde. Inwiefern die vorgenommenen Änderungen eine Erleichterung bringen, wird sich zeigen. Wer sich mit der Materie beschäftigen will, findet auf der Seite des Parlaments der Republik Österreich den Text der Urheberrechtsnovelle und auf HELP.gv.at eine Erklärung dazu. Wer sich noch immer nicht sicher ist, kann sich freuen: Auf www.imoox.at wird aber 2. November ein offener MOOC zum Thema E-Learning & Recht stattfinden, der u.a. die Novelle thematisiert.
Und noch so eine rechtliche Sache. Wie groß war doch die Freude, als im Oktober bekannt wurde, dass der EuGH entschied, das Einbetten (Framen) von im Netz verfügbarer Videos verstoße nicht gegen das Urheberrecht. Umso größer jetzt die Enttäuschung oder auch das Unverständnis oder wie man das Gefühl nennen möchte, dass diese Entscheidung nur auf Videos zutrifft, die ihrerseits keine Urheberrechtsverletzung darstellen. Nun denn, der Rechteinhaber entscheidet.

Und brandaktuell (und für einige doch gut fürs Geldbörserl): Computer mit Internetanschluss sind keine Radios oder Fernseher. Man muss für sie keine extra GIS-Gebühr zahlen. So berichtet der Standard in seiner aktuellen Ausgabe.