Donnerstag, 16. Februar 2017

Studentische Selbstorganisation: ein Beispiel aus der Praxis

Ich halte ja seit einiger Zeit an der Universität Graz einen Online-Kurs mit dem Titel Lernen im Netz 2.0: Lernen in einer digitalen Gesellschaft. Der Kurs hat den gleichnamigen MOOC auf iMooX als Basis und kann von Studierenden, die an der Universität Graz inskribiert sind, als freies Wahlfach (Typ: Vorlesung) angerechnet werden, wenn die Studierenden eine elektronische Prüfung vor Ort (in Präsenz) absolvieren. So weit so gut.

Quelle: Pixabay (CC0)

Wie bei Vorlesungen studienrechtlich vorgesehen herrscht keine Anwesenheitspflicht, die Beurteilung erfolgt durch einen einmaligen Prüfungsakt am Ende des Semesters (und zu weiteren Prüfungsterminen, nämlich insgesamt sechs an der Zahl). Wie die Studierenden dabei lernen, ist für die Prüfenden nicht relevant. Sie können sich das Wissen selbst aneignen, eigene Materialien benutzen, gemeinsame Mitschriften erstellen und Ähnliches…

In den letzten Semestern hat das auch ganz gut geklappt, so der Anschein. Die Ergebnisse der Prüfungen hatten eine Ähnlichkeit mit der Gauß’schen Glockenkurve, wenngleich es schon leichte Verschiebungen bei den einzelnen Terminen nach rechts oder links gab. 

Quelle: Pixabay (CC0)

Dies sollte sich bei den letzten Terminen ändern: Keine Prüfung wurde mit Sehr Gut beurteilt, knapp über 50 Prozent jedoch mit Befriedigend. Ein interessantes Ergebnis. Dazu muss man wissen, dass vom didaktischen Konzept her Teile der Lernzielkontrollen des MOOC in die elektronische Prüfung aufgenommen werden. Wenn man also die Lernzielkontrollen zum Üben nutzt, ist man nur mehr wenige Punkte vom Genügend entfernt. Um jedoch bessere Noten zu haben, müssen die Materialien in der Tiefe durchgearbeitet werden, wobei ich mich – bei Prüfungen grundsätzlich – an die in der Leistungsbeurteilungsverordnung zu findenden Notendefinitionen halte.

Ein Sehr Gut bedarf somit folgender Leistung:
(2) Mit „Sehr gut“ sind Leistungen zu beurteilen, mit denen der Schüler die nach Maßgabe des Lehrplanes gestellten Anforderungen in der Erfassung und in der Anwendung des Lehrstoffes sowie in der Durchführung der Aufgaben in weit über das Wesentliche hinausgehendem Ausmaß erfüllt und, wo dies möglich ist, deutliche Eigenständigkeit beziehungsweise die Fähigkeit zur selbständigen Anwendung seines Wissens und Könnens auf für ihn neuartige Aufgaben zeigt. (Quelle)
Nun, wie kommt es also, dass in den letzten Prüfungen niemand ein Sehr Gut erreichen konnte, nur wenige ein Gut? Als neugierige Lehrende fragt man nach. Siehe da, ein verschwindend geringer Prozentsatz hat den MOOC absolviert (was sich mit den Anmeldezahlen im MOOC deckt). Auf die Frage, wie sie den gelernt hätten, kam keine Antwort. Auf die Frage, ob sie denn die Lernzielkontrollen irgendwie gemacht hätten, antwortete eine Studierende sinngemäß mit „Nein, aber die Karteikarten.“ Klick! Ahhh… Da war mir einiges klar. Schnell auf Quizlet. Und siehe da… Der Karteikartensatz war schnell gefunden.

Quelle: Pixabay (CC0)

Ich habe mich – ehrlich gesagt – über die studentische Initiative sehr gefreut. Aber, naja, gleichzeitig hab ich mir dann doch gedacht: Hallo, ihr da draußen! Reicht euch ein Befriedigend für das freie Wahlfach wirklich? Es gibt im MOOC ein paar lesenswerte Texte. Ehrlich. Schaut mal rein! ;-)

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