Sonntag, 19. Februar 2017

#EDchatDE gibt es als Buch: ein offener Post

In den letzten Wochen seit der Bekanntgabe, dass es ein Buch zum #EDchatDE geben wird, habe ich so einige nicht ganz nette Nachrichten dazu bekommen. Der Ton war rau. Und das war er auch auf Twitter selbst. Die Teilgeber/innen zeigten sich über die Veröffentlichung enttäuscht, verärgert, erfreut, überrascht, genervt – oder alles zusamen. Vielen waren begeistert, andere fühlten sich vor den Kopf gestoßen. Weil mir selbst einige Dinge davon sehr nahe gehen, möchte ich in diesem Blog ein paar Gedanken zum Buch, vor allem aber zum Projekt, loswerden.

Quelle: Pixabay (CC0)

Vorausschicken möchte ich, dass ich hinter der Buch-Idee stand und stehe. Umso mehr, als es sich um ein Buch unter CC-Lizenz handelt, das von einem Schulbuchverlag herausgegeben wird. Ich finde diesen Versuch des Cornelsen-Verlags wirklich erstaunlich. Die Lizenz CC BY-SA bedeutet ja, dass jede/r das Buch kaufen und dann online stellen kann, solange die Lizenz eingehalten wird (CC BY-SA heißt, teilen und weitergeben und verändern unter gleichen Bedingungen). Jeder darf also die Materialien verwenden, muss aber die/ den Urheber/in nennen (inkl. Quelle zum Originaldokument) und die Lizenz (inkl. Lizenztext). Hier noch mal ein schönes, gut gemachtes Video der OER Transferstelle zum Thema:


Video von Blanche Fabri, Melanie Kolkmann, Tessa Moje Jöran Muuß-Merholz für open-educational-resources.de – Transferstelle für OER/ CC BY 4.0

Aber auch mir stößt einiges in diesem Projekt auf. Ich kann die Teilgeber/innen verstehen. Ich kann sie gut verstehen. Auch ich würde mich ausgenutzt fühlen. Das Wort #Geheimprojekt ist dabei ein besonderes Reizwort. Wieso wurde die Community, die ja den Inhalt des Buches beisteuert, nicht informiert? Wieso wurde hier so ein Tamtam (beispielsweise das Werbevideo) gemacht? Nun, ich persönlich denke, dass die Geheimniskrämerei teilweise wichtig war, damit die Idee nicht von jemand anderem „geklaut“ wird. Sie ist innovativ. 

Die Art und Weise, wie kommuniziert wurde, ist aber sicherlich unglücklich. Man hätte die Teilgeber/innen vorab anschreiben können. Sie informieren können, bevor man an die „gesamte“ Öffentlichkeit geht. Man hätte den Teilgeberinnen und Teilgebern eine Ausgabe des Buches schicken können (oder das E-Book gratis zur Verfügung stellen – Danke Christine @iqberatung für diesen Anstoß). Twitternachrichten sind öffentlich. Man muss nicht angemeldet sein, um sie lesen zu können. Eine Erlaubnis, sie weiterzuverwenden, braucht es also nicht. Aber es bedarf Kommunikation. Und gerade diese Kommunikation ist mächtig in die Hose gegangen. Ich kann es nicht anders sagen. Man hätte informieren können. Man hätte aber zumindest auf die Kritik reagieren können/sollen/müssen. Hätt i-wär i – tät i. Vereinzelt wurde das gemacht, aber eben nicht von allen. Mache ich jemandem einen Vorwurf? Nein, denn wir sind alles Individuen, die individuell entscheiden können.

Quelle: Pixabay (CC0)

Wir haben uns jede/r dazu entschieden, am Buchprojekt mitzumachen. Aus unterschiedlichen Beweggründen, meine ich. Vielleicht auch nur, weil die anderen Teammitglieder mitgemacht haben. Uns wurde von den beiden Herausgebern von der Idee erzählt, vor allem von der Tatsache, dass das Buch unter CC-Lizenz stehen wird. Wir waren alle, so mein Eindruck, von Anfang an Feuer und Flamme. Ein offenes Format, ein offenes Buch, eine offene Lizenz, ein Schulbuchverlag. Es sollte ein offenes E-Book geben. Das wurde auch so zugesagt. Und irgendwie gingen wir Moderatorinnen und Moderatoren alle davon aus, dass Buch und E-Book gleichzeitig herauskommen und das E-Book kostenfrei oder zumindest bedeutend günstiger als das gedruckte Buch sein würde. Können die Teammitglieder alle so irren? Ich jedenfalls war über die Ankündigung des gedruckten Buches ohne E-Book genauso überrascht wie das übrige Team. Ich hab mich geärgert.

Wir hatten im Sommer alle innerhalb kürzester Zeit die Kapitel geschrieben. Die Auswahl der Themen und der Tweets erfolgte durch den Verlag. Unsere Aufgabe lag darin, die Tweets in einen Kontext zu bringen. Die ersten eingereichten Beiträge von Urs (@urshenning) und mir waren dabei falsch, also entsprachen nicht den Vorstellungen. Ein Missverständnis? Möglich. Ich meine aber, dass auch hier die Kommunikation nicht gestimmt hat. Wir wurden mit Informationen versorgt, aber irgendwie lückenhaft. Vielleicht wurde vorausgesetzt, dass wir alle eh das Gleiche verstehen. Vielleicht wurde im Stress übersehen, dass wir nicht alle die gleiche Wissensbasis haben. Jedenfalls gab es auch im Entstehungsprozess zahlreiche Kommunikationsprobleme. Fragen wurden beim Auftreten per Mail gestellt und beantwortet. Ich hatte immer wieder das Gefühl, ein Mail nicht gelesen zu haben. Ich hatte das Gefühl, nicht alle Mails zu bekommen.

Vielleicht hätte ein Treffen #irl (danke @ma_y für den Hinweis) oder auch ein virtuelles (via Skype oder so) geholfen. Es lässt sich nun mal nicht alles über E-Mail und Direktnachrichten auf Twitter lösen. Und manchmal ist da das geschriebene Wort auch missverständlich. Ich bin mir zwischendurch wie eine Ausführende vorgekommen. Ich dachte immer, wir seien ein Team von gleichberechtigten Erwachsenen, wo alle gemeinsam und eben gleichberechtigt an einem Buch arbeiten. Nun, ich denke nach dem Buchprojekt, wir hatten die zwei Herausgeber und die anderen, die ausgeführt haben. Im Prozess des Schreibens ist mir das so nicht aufgefallen, retrospektiv aber schon. Ich ärgere mich vor allem sehr über Mails und Nachrichten, die mir das Gefühl geben, ein Lehrling (Azubi) zu sein. Du sollst nicht… Tu nicht… Mach… Ignorier… Und ein individuelles Vorgehen wird verurteilt. Außer es kommt von den Herausgebern. So haben wir als Team beispielsweise vom Werbefilm nichts gewusst. Idee und Umsetzung sind absolut genial. Eine kurze Info hätte gereicht. Ich hätte nichts dagegen gehabt. 

Quelle: Pixabay (CC0))

Wir sind Individuen. Wir sind Teilgeber/innen. Wir sind ein Team. Nicht nur die Moderatorinnen und Moderatoren und die Übersetzer/innen und die Tweetsammlerinnen. Wir alle. #EDchatDE lebt von der Community. Er lebt von unseren individuellen Ansichten und Ideen und Erfahrungen. Und ich finde es schade, dass es jetzt so was wie eine Lagerbildung gibt. Es allen rechtzumachen, funktioniert nie. Aber Kritik zu ignorieren, funktioniert auch nicht. Deshalb finde ich die Rezension von Philippe Wampfler (@phwampfler) und den Blogpost von Matthias Förtsch (@herr_foertsch) so schön. Sie zeigen, dass Kritik gut ist, dass man Kritik ernst nehmen soll. Dass man sich auch auf Diskussionen einlassen soll. Man kann daraus lernen. Und (Danke Peter @JochumPeter, weil du es gesagt hast) ich denke, wir sollten das Buch als Lernprozess sehen. Mit allen positiven und negativen Erfahrungen und Aspekten. Das nächste Mal machen wir es besser. Aber wisst ihr: Das Buch ist gut, denn wir erreichen damit viele, die wir sonst nicht erreichen können. Die Kapitel sind kurz und gut lesbar. Sie ermöglichen auch jenen, die wenig mit dem Thema zu tun haben, einen Einblick. Durch das offene Format können die Materialien auch für die Lehre und den Unterricht sowie für Fortbildungen verwendet und adaptiert werden. Das war meine Motivation, am Buch mitzuarbeiten.

Ich werde deshalb meine Kapitel, wie Monika (@M_Heusinger) es am Blog gemacht hat, auch noch öffentlich zur Verfügung stellen. Sobald geklärt ist, wie ich sie genau attribuieren muss. Und am liebsten zum OER-Festival am 31. Mai in Graz.

Quelle: Pixabay (CC0)

PS: Eines muss ich noch erklären: Im Verzeichnis der Teilgeber/innen am Ende des Buches stehen nur jene, deren Tweets nicht direkt (mit Bild, Name, Text und Datum) eingefügt sind. Also: Wenn ihr hinten nicht drinnen steht, dann heißt das nicht, dass eure Ideen und Beiträge nicht übernommen wurden. Danke Judith Erlmann (@juerlb) für diese wichtige Klarstellung!

Donnerstag, 16. Februar 2017

Studentische Selbstorganisation: ein Beispiel aus der Praxis

Ich halte ja seit einiger Zeit an der Universität Graz einen Online-Kurs mit dem Titel Lernen im Netz 2.0: Lernen in einer digitalen Gesellschaft. Der Kurs hat den gleichnamigen MOOC auf iMooX als Basis und kann von Studierenden, die an der Universität Graz inskribiert sind, als freies Wahlfach (Typ: Vorlesung) angerechnet werden, wenn die Studierenden eine elektronische Prüfung vor Ort (in Präsenz) absolvieren. So weit so gut.

Quelle: Pixabay (CC0)

Wie bei Vorlesungen studienrechtlich vorgesehen herrscht keine Anwesenheitspflicht, die Beurteilung erfolgt durch einen einmaligen Prüfungsakt am Ende des Semesters (und zu weiteren Prüfungsterminen, nämlich insgesamt sechs an der Zahl). Wie die Studierenden dabei lernen, ist für die Prüfenden nicht relevant. Sie können sich das Wissen selbst aneignen, eigene Materialien benutzen, gemeinsame Mitschriften erstellen und Ähnliches…

In den letzten Semestern hat das auch ganz gut geklappt, so der Anschein. Die Ergebnisse der Prüfungen hatten eine Ähnlichkeit mit der Gauß’schen Glockenkurve, wenngleich es schon leichte Verschiebungen bei den einzelnen Terminen nach rechts oder links gab. 

Quelle: Pixabay (CC0)

Dies sollte sich bei den letzten Terminen ändern: Keine Prüfung wurde mit Sehr Gut beurteilt, knapp über 50 Prozent jedoch mit Befriedigend. Ein interessantes Ergebnis. Dazu muss man wissen, dass vom didaktischen Konzept her Teile der Lernzielkontrollen des MOOC in die elektronische Prüfung aufgenommen werden. Wenn man also die Lernzielkontrollen zum Üben nutzt, ist man nur mehr wenige Punkte vom Genügend entfernt. Um jedoch bessere Noten zu haben, müssen die Materialien in der Tiefe durchgearbeitet werden, wobei ich mich – bei Prüfungen grundsätzlich – an die in der Leistungsbeurteilungsverordnung zu findenden Notendefinitionen halte.

Ein Sehr Gut bedarf somit folgender Leistung:
(2) Mit „Sehr gut“ sind Leistungen zu beurteilen, mit denen der Schüler die nach Maßgabe des Lehrplanes gestellten Anforderungen in der Erfassung und in der Anwendung des Lehrstoffes sowie in der Durchführung der Aufgaben in weit über das Wesentliche hinausgehendem Ausmaß erfüllt und, wo dies möglich ist, deutliche Eigenständigkeit beziehungsweise die Fähigkeit zur selbständigen Anwendung seines Wissens und Könnens auf für ihn neuartige Aufgaben zeigt. (Quelle)
Nun, wie kommt es also, dass in den letzten Prüfungen niemand ein Sehr Gut erreichen konnte, nur wenige ein Gut? Als neugierige Lehrende fragt man nach. Siehe da, ein verschwindend geringer Prozentsatz hat den MOOC absolviert (was sich mit den Anmeldezahlen im MOOC deckt). Auf die Frage, wie sie den gelernt hätten, kam keine Antwort. Auf die Frage, ob sie denn die Lernzielkontrollen irgendwie gemacht hätten, antwortete eine Studierende sinngemäß mit „Nein, aber die Karteikarten.“ Klick! Ahhh… Da war mir einiges klar. Schnell auf Quizlet. Und siehe da… Der Karteikartensatz war schnell gefunden.

Quelle: Pixabay (CC0)

Ich habe mich – ehrlich gesagt – über die studentische Initiative sehr gefreut. Aber, naja, gleichzeitig hab ich mir dann doch gedacht: Hallo, ihr da draußen! Reicht euch ein Befriedigend für das freie Wahlfach wirklich? Es gibt im MOOC ein paar lesenswerte Texte. Ehrlich. Schaut mal rein! ;-)